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Neuer Lesestoff

Die besten Bücher des Monats

Hier finden Sie den gut sortierten Lesestoff, den unsere Literaturredaktion empfiehlt.

Kulturredaktion
Aktualisiert am 22. November 2022

Himmel über Charkiw. Nachrichten vom Überleben im Krieg.

Serhij Zhadan. Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2022.
Tagebuch
Foto: Keystone
Als Russland den Angriffskrieg begonnen hat, blieb er in Charkiw: der ukrainische Punkmusiker, Schriftsteller und Friedenspreisträger Serhij Zhadan. Seit dem 24. Februar führt er eine Kriegschronik auf Facebook mit kurzen Einträgen, Fotos und Ermutigungen an die Bevölkerung. Die Einträge schliessen immer mit «Morgen früh sind wir unserem Sieg wieder einen Tag näher». Abends, wenn er zurückkommt von Besorgungen für die Ukrainer an der Front und Beschaffungen für die zivile Bevölkerung, spielt er mit seiner Band für die Menschen in der Metro. Und mit jedem Facebook-Post teilt er die Spendennummer, um weiterhin humanitäre Hilfe leisten zu können. «Himmel über Charkiw» ist ein Dokument der Wut und Erschütterung: nahe, unerbittlich und zäh. Näher können wir diesem schier unvorstellbaren Nebeneinander von Alltag und Ausnahmezustand in der Ukraine nicht kommen. Gerade weil die Sprache in Form kurzer Einträge, die keinen literarischen Anspruch verfolgen, unter die Haut gehen. Zhadan schreibt im Nachwort, dass er noch nie derart ideologisch geschrieben habe. Aber das sei hier keine Literatur, sondern die Wirklichkeit. (zuk)
Leserbewertung
ø 5.0
(15 Bewertungen)
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Es ging immer nur um Liebe

Musa Okwonga. Aus dem Englischen von Marie Isabel Matthews-Schlinzig. Mairisch, Hamburg 2022.
Roman
Foto: Phil Dera
Kae Tempest und Ed Sheeran sind seine Fans. Musa Okwonga hat ein Buch geschrieben, das nicht nur in Berlin spielt, sondern sich auch typische Eigenschaften mit der Grossstadt teilt: hart, herzlich, launisch, leidenschaftlich und hinreissend unübersichtlich. Der britisch-ugandische Autor erzählt in seinem autofiktionalen Roman davon, wie es ist, in Berlin anzukommen und sich als Person of Colour zurechtzufinden. Verlieben, aneinander-vorbei-lieben, trennen, dazwischen etwas Voodoo und Kuchen essen, Freunde finden und ihnen wieder abhandenkommen. Ein wunderbarer Satz ist: «Das Schnitzel beeindruckt dich, denn es ist weniger eine Mahlzeit als ein gehöriger Angriff auf die Idee des Hungers an sich.» Dieses schmale Buch erzählt von Alltagsrassismus und Entfremdung und der Suche nach einem Ort, an dem Hautfarbe keine Rolle (mehr) spielt. (zuk)
Leserbewertung
ø 4.5
(7 Bewertungen)
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Wir haben es nicht gut gemacht. Der Briefwechsel.

Ingeborg Bachmann, Max Frisch. Herausgegeben von Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann. Piper, München und Suhrkamp, Berlin 2022.
Briefwechsel
Foto: Keystone / Imago
Fünf Jahre waren Ingeborg Bachmann und Max Frisch ein Paar. Ein prominentes Paar, beide waren Literaturstars. Von Anfang an war ihre Liebesbeziehung von neugieriger Aufmerksamkeit und von Gerüchten umgeben, nach der Trennung konstruierte vor allem das Bachmann-Lager die Legende vom «Monster» Frisch, der die ätherische Lyrikerin auf dem Gewissen habe. Der Briefwechsel der beiden, jahrzehntelang unter Verschluss, ist jetzt zu lesen in einer hervorragend kommentierten Ausgabe. Er schafft Klarheit, einerseits, und neue Verwirrung: Denn die Lektüre zeigt nicht, wie es wirklich gewesen ist, sondern zwei Wahrnehmungen, nicht die Wahrheit, sondern deren zwei. Dass die beiden nicht voneinander lassen, aber auch nicht miteinander leben konnten, ist die faszinierende und erschütternde Erkenntnis dieses Briefwechsels, der, dank der Scharfsinnigkeit und Wortmächtigkeit der beiden Schriftsteller, auch ein literarisches Ereignis ist. (ebl)
Leserbewertung
ø 4.0
(29 Bewertungen)
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Matrix

Lauren Groff. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Claassen, 2022.
Roman
Foto: PD
«Matrix» ist abgeleitet vom lateinischen Mater, Mutter. Das ist ein perfekt passender Titel für diesen Roman, der im Jahr 1158 beginnt. Die siebzehnjährige Waisin Marie de France wird vom königlichen Hof von Eleonore von Aquitanien verbannt und muss ein verarmtes, verwahrlostes Kloster in England übernehmen. Nach anfänglichem Hadern wächst Marie in ihre Lebensrolle hinein, hinterfragt und verändert Abläufe, nutzt ihre Intelligenz und führt den Orden als Priorin − und damit als Übermutter − in eine selbstbestimmte, goldene Zukunft. Männer spielen dabei keine Rolle, aber die Liebe und die Gemeinschaft durchaus. Marie de France hat es tatsächlich gegeben, sie gilt als erste bekannte Autorin der französischen Literatur. Es gibt kaum Informationen über sie, was Groff dazu veranlasste, Marie de France eine wunderbare weibliche Ermächtigungsgeschichte anzudichten. Sie setzt dabei eine mittelalterlich anmutende Sprache ein, die nach einer kurzen Eingewöhnung einen eigentümlichen Sog entwickelt. (pam)
Leserbewertung
ø 4.0
(33 Bewertungen)
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Our Missing Hearts

Celeste Ng. Penguin Books, London 2022. Derzeit nur in Englisch.
Roman
Foto: Kieran Kesner
Der Titel des Buches mag romantisch anmuten, doch das dritte Buch der amerikanischen Bestsellerautorin ist vor allem dystopisch. Obwohl vieles davon auch tatsächlich wahr sein könnte. Es geht um den 12-jährigen Bird, dessen Vater ihm eins einbläut: nicht auffallen, keinen Ärger machen. Denn er sieht asiatisch aus – und seine Mutter ist eine von den Behörden gesuchte Aktivistin und Poetin, die die Familie verlassen hat. Sie wehrt sich gegen ein Gesetz namens PACT. Die Abkürzung steht für «Preserving American Culture and Traditions Act». Der Präsident sage, es gehe nicht um Rassismus, sondern um Patriotismus und Einstellungsfragen, steht auf den ersten Seiten des Buches. Auch wenn es ein solches Gesetz in den USA nicht gibt, der asiatischen Bevölkerung schlägt viel Hass entgegen (auch von der obersten Politik, Donald Trump nannte das Coronavirus mehrmals «Chinese Virus»). Ngs neuestes Buch erzählt ein Familienschicksal, welche Macht Geschichten und Poesie hat, aber auch, was Hass und der Versuch, sich und seine Liebsten davor zu schützen, mit Menschen macht. (aho)
Leserbewertung
ø 4.5
(10 Bewertungen)
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Strega

Johanne Lykke Holm. Aus dem Schwedischen von Hanna Granz, Aki-Verlag, Zürich 2022.
Roman
Foto: imago images
Neun junge Frauen werden zum Arbeiten in ein Berghotel als Saisonarbeiterinnen geschickt. Nur: Gäste gibt es im Hotel Olympic in Strega schon lange nicht mehr. Das Hotel und sein Betrieb erinnern deshalb eher an eine Mädchenschule, wo junge Frauen lernen, eine gute Hausfrau zu sein. Die Gruppe um Rafaela, die Erzählerin, freundet sich an, lebt gemeinsam einsam in ihrem Trott. Doch eines Tages verschwindet eines der Mädchen. Es ist eine Art modernes Märchen, eine mystische Saga, die Holm fast filmisch erzählt − Erinnerungen an Wes Andersons «Grand Budapest Hotel» kommen beim Lesen immer wieder auf. Von dieser feinen, sorgfältigen und zugleich kraftvollen Sprache lebt das Buch der Schwedin. Es ist teils schwer und verstörend, und trotz allem kann es auch als feministisch und bestärkend gelesen werden. (aho)
Leserbewertung
ø 3.5
(7 Bewertungen)
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Kleine Dinge wie diese

Claire Keegan. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Steidl, Göttingen 2022.
Roman
Foto: imago images /TT
In Irland gab es bis in die 1990er-Jahre die Institution der «Magdalene Laundries», betrieben von der katholischen Kirche, unterstützt vom Staat. Dort wurden «gefallene Mädchen» unter sklavenähnlichen Bedingungen gehalten, ihre Kinder wurden ihnen weggenommen, viele starben. Nach der Entdeckung von Massengräbern erfolgte eine (immer noch unvollständige) Aufarbeitung, an der sich die Kirche nicht beteiligte. Der Holz- und Kohlenhändler Furlong beliefert in der 1985 spielenden Erzählung von Claire Keegan eine solche Anstalt und gerät in einen Gewissenskonflikt. «Kleine Dinge wie diese» ist ein Buch über Zivilcourage und Verantwortung und eine Weihnachtsgeschichte der besonderen Art: Denn der Leser kann nicht anders, als das genretypische Happy-End (der Held nimmt ein halb verhungertes Mädchen mit zu sich nach Hause) weiterzudenken: Die gute Tat wird eine ganze Familie ins Unglück stürzen. Das schmale Buch – der kürzeste Text, der je auf der Shortlist zum Booker-Preis stand – ist ein Meisterwerk von staunenswerter Perfektion. Jeder Satz sitzt, keiner ist zu viel, vermeintliche Nebensätze verraten wichtige Motive, die Balance von Heimeligkeit und Unheimlichkeit erzeugt einen unwiderstehlichen Sog. (ebl)
Leserbewertung
ø 5.0
(20 Bewertungen)
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Dürrst

Simon Froehling. Bilgerverlag, Zürich 2022.
Roman
Foto: Keystone
Dürrst, eigentlich Andreas Durrer, wächst in einem unterkühlten Elternhaus an Zürichs Goldküste auf. Nach dem Erkennen der eigenen Homosexualität folgt der Aufbruch, und er findet in der Hausbesetzer- und Schwulenszene eine temporäre Heimat. Drogen werden gedealt, es wird immer unübersichtlicher, wer mit wem Sex hat − nur das Exzessive scheint für Dürrst Wahrheit zu sein. In diesen Zustand der Veräusserung mischt sich das Dunkle immer stärker ein, Dürrst verliert Halt und Hoffnung, durchlebt manische Phasen und wird dann von lähmenden depressiven Episoden eingeholt. Klinik, Therapie, wieder Klinik, immer länger, immer schwieriger. Froehling schreibt seinen zweiten Roman strikt in der Du-Form, was Gefahr laufen könnte, aufdringlich zu werden und über die knapp 300 Seiten nicht zu tragen, aber die Erzählstimme bricht nicht ein. Dem Autor gelingt es, aus dem Steinbruch des eigenen Lebens Literatur zu machen, die mit ihrer heftigen, präzisen und schlichten Sprache zu einem eindrücklichen Roman über die Vielschichtigkeit der menschlichen Psyche wird, der ohne Pathos auskommt. (zuk)
Leserbewertung
ø 4.5
(16 Bewertungen)
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Imperium der Schmerzen. Wie eine Familiendynastie die weltweite Opioid-Krise auslöste.

Patrick Radden Keefe. Aus dem Englisch von Benjamin Dittmann-Bieber, Gregor Runge und Kattrin Stier. Hanserblau, München 2022.
Sachbuch
Foto: imago images
Das Sachbuch des amerikanischen Investigativjournalisten Patrick Radden Keefe ist eigentlich ein 700-seitiger Krimi: Er erzählt die Geschichte der Familie Sackler, Gründer und Besitzer des Pharmakonzerns Purdue Pharma, das das sehr starke Schmerzmittel Oxycontin auf den Markt brachte. Dieses gilt als Auslöser der Opioidkrise in den USA. «Imperium der Schmerzen» ist so auch eine Geschichte des amerikanischen Kapitalismus. Der fragwürdigen Werbe- und Verkaufsstrategien der Pharmabranche. Des Aufstiegs und Falls einer Philanthropendynastie. Die drei Brüder Arthur, Mortimer und Raymond haben sich aus einer Immigrantenfamilie in die amerikanische High Society hochgearbeitet, gehörten zu den reichsten Männern Amerikas. Sie haben Museumsflügel im Louvre und im Metropolitan Museum in New York finanziert. Heute allerdings macht die Familie vor allem als Angeklagte Schlagzeilen und von Vergleichen in Millionenhöhe, die von der Opioidkrise gebeutelte amerikanische Staaten und Gemeinden erhalten sollen. Detailreich, fesselnd und schockierend, als wäre alles erfunden, schreibt Radden Keefe. Dass es das (leider) nicht ist, zeigen die vielen Seiten Quellenangaben am Ende des Buches. (aho)
Leserbewertung
ø 5.0
(8 Bewertungen)
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Eating to Extinction: The World’s Rarest Foods and Why We Need to Save Them.

Jonathan Cape. London 2021. Derzeit nur in Englisch.
Sachbuch
Foto: Artur Tixiliski
Wie sehr Biodiversität und Nahrungsmittelsicherheit zusammenhängen, zeigt Dan Saladino in seinem Buch «Eating to Extinction: The World’s Rarest Foods and Why We Need to Save Them». Der britische Food-Journalist bereiste die Welt, um einige der seltensten Lebensmittel zu finden. Sei es die O-Higu-Sojabohne, die auf wenigen Quadratmetern in Japan wächst, das Bison aus den USA, das in Rückbesinnung auf die Küche der Ureinwohner auf den Teller kommt, oder das Lambic-Bier aus Belgien, das spontan mit Hefen aus der Umgebung vergoren wird. Die Lektüre des Buches ist ein Wechselbad der Gefühle: Saladino zeigt schonungslos auf, was uns durch Klimawandel, Politik und Konflikte an Vielfalt in der Nahrung verloren geht. Er weist aber auch stets auf Hoffnungsschimmer hin – so es sie denn gibt. Die gewählten Produkte werden ansprechend und kenntnisreich vorgestellt, und man lernt beim Lesen noch einiges über die Wechselwirkungen zwischen Kriegen, internationalen Abkommen und dem Essverhalten der Menschen. Ein rundum erhellendes Werk, das trotz der drohenden Verluste Appetit macht. (mmo)
Leserbewertung
ø 4.0
(5 Bewertungen)
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Ins Unbekannte − Die Geschichte von Sabina und Fritz.

Lukas Hartmann. Diogenes, Zürich 2022.
Roman
Foto: Tamedia AG
Sabina und Fritz? Erstere ist eine junge Russin, die wegen «Hysterie» in der Zürcher Klinik Burghölzli von Carl Gustav Jung behandelt, dort zur Geliebten des Doktors und schliesslich selbst zur Ärztin wird. Letzterer ist ein Sozialdemokrat aus der Schweiz, der aus Begeisterung für die sozialistische Lehre nach Russland emigriert, Lenin das Leben rettet und unter Stalin für mehrere Jahre ins Gefängnis wandert. Auch wenn diese zwei Biografien nichts miteinander zu tun haben, werden sie im aktuellen Buch von Lukas Hartmann miteinander verknüpft. Und so entsteht ein historischer Roman, der nicht nur ein plastisches und nachvollziehbares Bild der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa zeichnet, sondern sich auch auf intelligente Weise mit der Frage nach richtigen oder falschen Lebensentwürfen auseinandersetzt. Und am Ende zeigt, dass Individuen letztlich dennoch machtlos sind, wenn sich so Schreckliches ereignet wie der todbringende Zweite Weltkrieg. (boe)
Leserbewertung
ø 4.0
(37 Bewertungen)
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Raben. Das Geheimnis ihrer erstaunlichen Intelligenz und sozialen Fähigkeiten.

Thomas Bugnyar. Brandstätter, Wien 2022.
Sachbuch
Foto: Daniel Zupanc
Lernen Sie Rabensprache: Ein «Haa!» mit lang gezogenem «a» heisst beispielsweise übersetzt: «Es gibt Fressen! Das will ich haben!» Und «Rab!» steht für «Bleib weg! Das ist meins!» Der renommierte Vogelforscher Thomas Bugnyar versammelt in seinem Sachbuch über Raben noch viele Fakten mehr. Wussten Sie etwa, dass sie entweder als monogame Paare oder − vor allem in jüngeren Jahren − als lockere Gruppen zusammenleben? Dass sie sich gegenseitig heimlich beim Futterverstecken beobachten, dabei aber so agieren, als ob sie gänzlich uninteressiert seien? Die Lektüre macht deutlich, dass das Klischee vom bösartigen Todesvogel, wie es Alfred Hitchcock mit seinem Film «Die Vögel» zementiert hat, ziemlich verkehrt ist. Und auch wenn die rund 200 Seiten sprachlich nicht restlos überzeugen − wetten, dass sie den Krähen bei der nächsten Joggingrunde mit anderen Augen begegnen werden? (boe)
Leserbewertung
ø 5.0
(7 Bewertungen)
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